Gemietete Liebe: Warum in Asien Hochzeiten, Partner und Familien geliehen werden

Fake-Hochzeiten und Leih-Familien: Kuriositäten aus Asien

Stell dir vor, du sitzt bei einer Hochzeit in Seoul, lächelst der Braut zu, gratulierst herzlich – und hast sie nie zuvor im Leben gesehen. Kein Einzelfall, sondern ein eigener Wirtschaftszweig. In Teilen Asiens ist Nähe zur Ware geworden: Man mietet Hochzeitsgäste, Partner fürs Familienfest oder gleich einen kompletten Ersatz-Vater. Was zunächst wie eine skurrile Randnotiz klingt, erzählt viel darüber, wie stark sozialer Druck in manchen Gesellschaften noch immer wirkt. Hier bekommst du die Hintergründe zu drei der ungewöhnlichsten Branchen des Kontinents.

Inhaltsverzeichnis

Südkorea: Eine Industrie aus gemieteten Hochzeitsgästen

In Südkorea gilt eine Hochzeit nicht nur als privates Fest, sondern als öffentliche Bühne. Die Zahl der Gäste zeigt, wie gut eine Familie vernetzt ist – und genau das wird zum Problem, wenn Braut oder Bräutigam schlicht nicht genug Freunde oder Kollegen mitbringen können. Die Lösung: Agenturen, die seit den späten 1990er-Jahren professionelle Gäste vermitteln. Manche Anbieter verwalten Tausende Darsteller im Alter zwischen Anfang zwanzig und siebzig, die an Wochenenden mehrere Hochzeiten pro Tag besuchen. Für umgerechnet rund 15 bis 25 Euro spielen sie Schulfreundin, Arbeitskollege oder entfernte Tante – inklusive Umarmung, Gratulation und einem Umschlag mit Glückwunschgeld, das ihnen die Familie vorher selbst gegeben hat.

Nach Angaben von Vermittlungsagenturen stammen etwa siebzig Prozent der Aufträge von Bräuten. Der Grund: Wer länger nicht mehr im Berufsleben oder in der Ausbildung steht, hat oft weniger Kontakte vorzuweisen als der Bräutigam mit seinen Arbeitskollegen. Auch wer weit weg von der eigenen Heimatstadt heiratet oder lange im Ausland gelebt hat, greift auf gemietete Gäste zurück. Die bezahlten Statisten lernen vorab Namen, Alter und Lebenslauf des Brautpaars auswendig, damit die Illusion bei neugierigen Nachfragen nicht auffliegt. Nur bei den offiziellen Fotos halten sie sich meist zurück – schließlich soll niemand später im Album auftauchen, den es eigentlich gar nicht geben dürfte.

Psychologen erklären das Phänomen mit einem Begriff, der in Südkorea viel benutzt wird: jalnancheok, sinngemäß "so tun, als würde man gut dastehen". Der wirtschaftliche Aufschwung seit den 1960er-Jahren hat laut Beobachtungen der Konkurrenzdruck erheblich verstärkt – es reicht nicht mehr, respektabel zu wirken, man muss sichtbar besser dastehen als andere. Eine Hochzeit mit halbleerem Saal würde genau das Gegenteil signalisieren.

China: Partner auf Zeit fürs Neujahrsfest

Wer in China um die dreißig und noch unverheiratet ist, kennt die immer gleichen Fragen der Verwandtschaft rund um das Frühlingsfest: Wann wird geheiratet, wann kommen Kinder? Für viele junge Chinesinnen und Chinesen ist genau das der unangenehmste Teil des wichtigsten Familienfestes im Jahr. Die Antwort einiger findiger Anbieter: ein Partner zum Mieten. Auf Plattformen wie Taobao lassen sich Männer und Frauen buchen, die für eine Nacht oder mehrere Tage als Freund oder Freundin auftreten – Preise zwischen umgerechnet 60 und 250 Euro pro Tag sind üblich, rund um das chinesische Neujahrsfest steigen sie deutlich.

Zum Leistungsumfang gehören meist gemeinsame Mahlzeiten, Händchenhalten vor der Verwandtschaft und Hilfe im Haushalt der Eltern. Küssen oder körperliche Nähe vor der Familie sind bei den meisten Anbietern ausdrücklich ausgeschlossen – viele werben explizit mit "sauberen" Dienstleistungen ohne intime Kontakte. Die Motivation der Kundschaft ist selten Täuschung aus Vergnügen, sondern der Wunsch, den familiären Frieden zu wahren, ohne sich für die eigene Lebensplanung rechtfertigen zu müssen. Wer die Familienfeier ganz meidet, gilt in einer stark auf Respekt gegenüber den Eltern ausgerichteten Kultur schnell als respektlos – das Mieten eines Partners erscheint da für manche als der leichtere Weg.

Japan: Wenn ganze Familien geliehen werden

Am weitesten treibt es eine Reihe japanischer Agenturen, die sich auf sogenannte Verleih-Verwandtschaft spezialisiert haben. Die bekannteste, Family Romance, wurde durch ihren Gründer Ishii Yuichi international bekannt: Für Preise ab umgerechnet rund 50 Euro lassen sich Väter für Vorstellungsgespräche im Kindergarten, Enkel für einsame Großeltern oder sogar Bräutigame für inszenierte Hochzeiten buchen, wenn die eigentliche Braut ihren Eltern eine Heirat vorspielen möchte. Auch Firmen, die Enkelkinder gegen Einsamkeit im Alter vermitteln oder ältere Begleitpersonen als eine Art bezahlte Ratgeber für junge Frauen anbieten, haben sich in Japan etabliert.

Wichtig für ein ehrliches Bild: Internationale Medien wie der New Yorker haben Family Romance jahrelang als Beleg für eine angeblich besonders "seltsame" japanische Gesellschaft dargestellt. Spätere Recherchen zeigten jedoch, dass zumindest einzelne der öffentlich erzählten Geschichten inszeniert waren – handelnde Personen stellten sich später als eng mit dem Firmengründer verbunden heraus, statt als unabhängige Kundinnen. Die Verleih-Branche existiert also tatsächlich, ihr tatsächliches Ausmaß und viele der kolportierten Einzelgeschichten sollte man aber mit einer gewissen Skepsis lesen, statt jede Anekdote für bare Münze zu nehmen.

Unabhängig von einzelnen zweifelhaften Geschichten ist der Kern real: Organisationen wie New Start vermitteln etwa "Leih-Geschwister", die zurückgezogen lebende junge Männer, sogenannte Hikikomori, behutsam wieder in Kontakt mit der Außenwelt bringen sollen. Auch das zeigt, wie unterschiedlich die Verleih-Idee in Japan genutzt wird – nicht nur zur Fassadenwahrung, sondern teilweise auch als eine Art soziale Notlösung.

Warum der Druck zu heiraten so groß ist

Hinter allen drei Beispielen steckt ein ähnliches Muster. In konfuzianisch geprägten Gesellschaften wie Südkorea, China und Japan gilt die Familie traditionell als wichtigste soziale Einheit, nicht das Individuum. Heirat und Nachwuchs werden dort seltener als private Entscheidung verstanden, sondern eher als eine Pflicht gegenüber den Eltern und der weiteren Verwandtschaft. Bleibt die Heirat aus, wird das nicht selten als Versäumnis der gesamten Familie gewertet – ein Gedanke, der jüngeren Generationen zunehmend fremd wird, während die ältere Generation weiterhin daran festhält.

Gerade in Südkorea kommt hinzu, dass auch Scheidung traditionell mit Scham verbunden ist, wenn auch die gesellschaftliche Akzeptanz seit rund zehn Jahren langsam wächst. Gleichgeschlechtliche Paare stehen vor einem noch größeren Konflikt: Da eine offizielle Eheschließung rechtlich nicht möglich ist und Homosexualität gesellschaftlich oft tabuisiert wird, greifen manche zu sogenannten Vertragsehen mit einem befreundeten homosexuellen Paar des jeweils anderen Geschlechts, um die Familie zufriedenzustellen, ohne die eigene Identität öffentlich zu machen. Die gemieteten Hochzeitsgäste, Partner und Familienmitglieder sind damit weniger ein kurioser Einzelfall als vielmehr ein Symptom eines viel größeren Spannungsfelds zwischen individueller Lebensplanung und traditionellen Erwartungen.

Häufige Fragen

Warum mieten Menschen in Südkorea Hochzeitsgäste?
Weil die Zahl der Gäste dort als Zeichen von sozialem Ansehen gilt. Wer wenige Freunde oder Kollegen vorweisen kann, füllt die Stuhlreihen mit bezahlten Statisten, um vor Verwandten und Nachbarn nicht das Gesicht zu verlieren.

Ist das Mieten von Partnern in China legal?
Ja, reine Begleitung gegen Bezahlung ist in China nicht strafbar, solange keine sexuellen Dienstleistungen angeboten werden. Die meisten Anbieter grenzen sich davon bewusst ab.

Gibt es Firmen, die ganze Familienmitglieder verleihen?
In Japan vermitteln Agenturen Schauspieler als Ersatz-Väter, Ersatz-Enkel oder Ersatz-Ehepartner. Die bekannteste, Family Romance, ist durch internationale Berichterstattung populär geworden, einzelne ihrer Geschichten gelten inzwischen als umstritten oder inszeniert.

Warum ist der soziale Druck zu heiraten in Ostasien so groß?
In konfuzianisch geprägten Gesellschaften gilt Ehe traditionell weniger als private Entscheidung, sondern als Pflicht gegenüber der Familie. Kinderlosigkeit, späte Heirat oder Scheidung werden von der älteren Generation oft als Makel für die ganze Familie empfunden.


Mehr kuriose und hintergründige Geschichten aus Asien findest du in unseren Artikeln über Südkorea, China und Japan, sowie unter Kultur & Gesellschaft hier:


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