Tote Vorfahren, Kreuzigungen und ein Buffet für Affen: Kuriositäten aus Südostasien
Tote Vorfahren, Kreuzigungen und ein Buffet für Affen: Kuriositäten aus Südostasien
Manche Traditionen lassen sich nicht mit einem Achselzucken abtun. In Indonesien holen Familien ihre toten Verwandten regelmäßig aus dem Grab, um sie neu einzukleiden. Auf den Philippinen lassen sich Gläubige an Karfreitag mit echten Nägeln ans Kreuz schlagen. Und in einer thailändischen Kleinstadt deckt man einmal im Jahr die Tafel für tausende Affen. Nach den gemieteten Hochzeiten und Familien aus Südkorea, China und Japan geht es diesmal weiter südlich – zu drei Bräuchen, die zeigen, wie unterschiedlich Menschen mit Tod, Glauben und ihren tierischen Nachbarn umgehen.
Inhaltsverzeichnis
- Indonesien: Wenn die Toten zu Besuch kommen
- Philippinen: Kreuzigung als Karfreitagstradition
- Thailand: Ein Festmahl für die Affenstadt
- Was diese Traditionen verbindet
- Häufige Fragen
Indonesien: Wenn die Toten zu Besuch kommen
Auf der indonesischen Insel Sulawesi lebt das Volk der Toraja in einem Verhältnis zum Tod, das mit westlichen Vorstellungen wenig gemein hat. Stirbt jemand, gilt er zunächst nicht als tot, sondern als krank – to makula nennen die Toraja diesen Zustand. Der einbalsamierte Leichnam bleibt oft wochen-, monate- oder gar jahrelang im Haus der Familie, bekommt weiterhin Essen und Wasser und wird in den Alltag einbezogen, bis genug Geld für eine standesgemäße Beerdigung zusammengekommen ist. Diese sogenannte Rambu-Solo-Zeremonie kann mehrere Tage dauern, mit hunderten Gästen, Musik und geopferten Wasserbüffeln – je mehr Tiere, desto schneller findet die Seele nach dem Glauben der Toraja ihren Weg ins Jenseits. Für wohlhabende Familien können sich die Kosten dabei auf einen sechsstelligen Dollarbetrag summieren.
Doch mit der Beerdigung endet die Beziehung zu den Verstorbenen noch nicht. Alle ein bis drei Jahre, meist nach der Reisernte im August, findet das Ma'nene-Ritual statt: Angehörige holen die mumifizierten Körper aus ihren Gräbern, reinigen sie, ziehen ihnen frische Kleidung an und tragen sie in einem Umzug durch das Dorf. Enkelkinder stecken ihren verstorbenen Großeltern schon mal eine Zigarette der Lieblingsmarke zwischen die Lippen, die Familie posiert für gemeinsame Fotos. Traurig ist dabei niemand – im Gegenteil, für die Toraja ist Ma'nene ein Fest der Zuneigung und ein Weg, den Kontakt zu den Ahnen nicht abreißen zu lassen. Rund achtzig Prozent der Toraja sind heute Christen, das ändert an der Tradition wenig: Sie hat die niederländische Kolonialzeit überstanden und lebt bis heute als Teil des alten Glaubenssystems Aluk To Dolo weiter.
Philippinen: Kreuzigung als Karfreitagstradition
Deutlich schmerzhafter geht es an Karfreitag im Dorf San Pedro Cutud in der Provinz Pampanga zu, rund 60 Kilometer nördlich von Manila. Seit den 1960er-Jahren lassen sich dort jedes Jahr gläubige Katholiken tatsächlich mit echten Nägeln an ein Holzkreuz nageln – als Nachstellung der Kreuzigung Jesu Christi. Vorausgegangen sind meist Prozessionen und Selbstgeißelungen: Barfüßige Männer schlagen sich mit Bambuspeitschen den Rücken blutig, bevor die eigentlichen Kreuzigungen auf einem eigens errichteten Hügel stattfinden. Der bekannteste Teilnehmer, Ruben Enaje, hat sich nach eigenen Angaben bereits über dreißig Mal kreuzigen lassen. Er begann das Ritual, nachdem er 1986 einen Sturz von einem Gerüst überlebt hatte, und trägt bei der Prozession jedes Jahr ein rund 37 Kilogramm schweres Holzkreuz fast zwei Kilometer weit.
Für die Teilnehmer, auf den Philippinen magdarame genannt, ist die Selbstkreuzigung ein Akt der Buße: Manche wollen ein Gelübde einlösen, andere um Vergebung für Sünden bitten oder ihre Dankbarkeit für überstandenes Leid ausdrücken. Die katholische Kirche selbst distanziert sich ausdrücklich von der Praxis – mehrere Bischöfe haben öffentlich betont, echte spirituelle Umkehr sei wichtiger als das öffentliche Zurschaustellen von Schmerz. Trotzdem ziehen die Rituale in San Pedro Cutud und im nahen Angeles jedes Jahr tausende Gläubige und Schaulustige an und zählen zu den bekanntesten religiösen Bräuchen Südostasiens.
Thailand: Ein Festmahl für die Affenstadt
Deutlich weniger schmerzhaft, dafür nicht minder kurios, geht es in der thailändischen Stadt Lopburi zu, rund 150 Kilometer nördlich von Bangkok. Dort leben mehrere tausend Langschwanzmakaken rund um den Khmer-Tempel Phra Prang Sam Yot – und einmal im Jahr, meist am letzten Sonntag im November, wird für sie die Tafel gedeckt. Seit 1989 organisiert die Stadt das Monkey Buffet Festival: Rund zwei Tonnen Obst, Gemüse und Süßigkeiten werden zu kunstvollen Pyramiden aufgetürmt, bevor die Affen sich darüberstürzen dürfen. Ursprünglich als Tourismusinitiative eines lokalen Geschäftsmanns gestartet, ist das Fest längst zu einer der bekanntesten Attraktionen Zentralthailands geworden.
Der Ursprung des Rituals liegt in der Verehrung der Tiere: Nach dem thailändischen Ramakien, der lokalen Version des indischen Ramayana-Epos, sollen die Affen von Lopburi Nachkommen des Affengotts Hanuman sein, der einst der Stadt zu Wohlstand verhalf. Die Fütterung gilt deshalb als Dank und als Bringer von Glück. Allerdings hat der Erfolg auch eine Kehrseite: Die Population ist über die Jahre stark gewachsen, mittlerweile leben mehrere tausend Makaken in der Stadt, die zunehmend auch Konflikte mit Anwohnern verursachen – von gestohlenen Einkaufstüten bis zu durchgebissenen Stromkabeln. Die Behörden haben deshalb inzwischen begonnen, einen Teil der Tiere einzufangen und zu sterilisieren.
Was diese Traditionen verbindet
Auf den ersten Blick haben mumifizierte Vorfahren, Selbstkreuzigungen und ein Buffet für Affen wenig gemeinsam. Auf den zweiten Blick doch: In allen drei Fällen sind Themen, die in vielen westlichen Gesellschaften eher zurückgezogen und privat behandelt werden – Tod, Buße, das Verhältnis zu Tieren – hier öffentlich, gemeinschaftlich und mit großem Aufwand zelebriert. Der Umgang mit dem Tod bei den Toraja, die Bußrituale auf den Philippinen und selbst das scheinbar heitere Affenfest in Lopburi wurzeln alle in der Vorstellung, dass Glaube, Dankbarkeit und Respekt sichtbar gemacht werden müssen, statt nur innerlich empfunden zu werden. Genau das macht diese Bräuche für Außenstehende oft befremdlich – und gleichzeitig zu einem der eindrücklichsten Gründe, weshalb sich eine Reise nach Südostasien abseits der reinen Stranderholung lohnt.
Häufige Fragen
Was ist das Ma'nene-Ritual der Toraja?
Beim Ma'nene-Ritual holen die Toraja auf Sulawesi alle ein bis drei Jahre die mumifizierten Körper verstorbener Angehöriger aus ihren Gräbern, reinigen sie, kleiden sie neu ein und tragen sie durch das Dorf, bevor sie wieder beigesetzt werden.
Warum lassen sich Menschen auf den Philippinen an Karfreitag ans Kreuz nageln?
In der Provinz Pampanga lassen sich seit den 1960er-Jahren gläubige Katholiken jedes Jahr mit echten Nägeln ans Kreuz nageln, um an das Leiden Jesu Christi zu erinnern, ein Gelübde einzulösen oder um Vergebung zu bitten. Die katholische Kirche lehnt diese Praxis offiziell ab.
Was passiert beim Monkey Buffet Festival in Lopburi?
Einmal im Jahr, meist am letzten Sonntag im November, wird in Lopburi ein riesiges Buffet aus Obst, Gemüse und Süßigkeiten für die tausenden dort lebenden Langschwanzmakaken aufgebaut, um sich für den Wohlstand zu bedanken, den die Affen durch den Tourismus bringen.
Was haben diese Rituale gemeinsam?
Alle drei zeigen, wie eng Glaube, Familie und Gemeinschaft in Teilen Südostasiens mit dem Alltag verwoben sind. Tod, Buße und selbst Tiere werden dort oft öffentlich und mit großem Aufwand zelebriert statt privat behandelt.
Den ersten Teil dieser Reihe über gemietete Hochzeitsgäste, Partner und Familien in Ostasien findest du hier: Gemietete Liebe – Kuriositäten aus Südkorea, China und Japan.
Mehr kuriose und hintergründige Geschichten aus Asien findest du in unseren Artikeln über Südkorea, China und Japan, sowie unter Kultur & Gesellschaft hier:
- Japan Reise Tipps: Was du vor dem ersten Besuch wissen musst
- Chinas Geisterstädte: Warum ein Land ganze Städte für niemanden baut
- Indien Reise Tipps: Was dich wirklich erwartet
- Die 20 skurilsten Fakten über Asien, die selbst Vielreisende überraschen
- Asien reisen: Tipps, Erfahrungen und echte Eindrücke
- Gefährliche Orte in Asien: Wo Reisende besonders aufpassen sollten
- Der chinesische Löwentanz: Tradition und Praxis
- Innovation aus Fernost: Was Fensterbauer von asiatischen Pionieren lernen können
- Chinesisches Neujahrsfest: Tradition, Bräuche und moderne Bedeutung
- Thailands Ladyboys: Kultur, Alltag und Realität jenseits der Klischees
- Alles über HAIKUS: Herkunft, Regeln, Praxis und moderne Relevanz
- Urlaub in Asien 2026: Die schönsten Strände in Asien entdecken
- Smart Cities: Eine Reportage über Shenzhens Tech-Innovationen
Unterkünfte/ Hotels/ Übernachtungen/ Flüge
Kommentare
Kommentar veröffentlichen